Studieren und jobben
Beim Bachelor wird die Zeit knapp
Rund 60 Prozent der Studenten müssen heute neben dem Studium arbeiten. Das geht aus der aktuellen «Sozialerhebung» des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin hervor. Gerade für Bachelor-Studenten mit ihren straffen Stundenplänen kann das schnell zum organisatorischen Kraftakt werden.
Vielen läßt die Doppelbelastung aus Studium und Nebenjob nur wenig Freizeit - und mit der Einführung von Bachelor (BA) und Master (MA) wird diese noch knapper. Immer häufiger wenden sich Studierende, die unter dem Burnout-Syndrom leiden, an die psychologischen Beratungsstellen des DSW. Früher war dieses typisch für überarbeitete Manager.
Bei den meisten hält sich die zeitliche Belastung bisher zwar im erträglichen Rahmen: Der Durchschnittsstudent wandte im Vorjahr laut der DSW-Studie 41 Stunden pro Woche für Studium und Erwerbstätigkeit auf. Rund sieben Stunden davon entfielen auf die Nebentätigkeit. In diesen Wert flossen aber auch alle Studenten ein, die gar nicht jobben. Die tatsächlichen Arbeitszeiten sind also zum Teil deutlich länger. Fast ein Drittel aller Studenten jobbt sogar mehr als 16 Stunden pro Woche - und ist damit de facto teilzeitbeschäftigt.
Camilla Wolf hat derzeit vier Nebenjobs: Die 27-jährige Studentin aus Augsburg kellnert in einer Bar, steht in einer Videothek am Tresen, verdingt sich bei einem Kulturfestival als Mädchen für alles und betreut von Zeit zu Zeit die Tochter einer Bekannten. Mindestens fünf Mal pro Woche arbeitet sie - vor allem abends, aber auch samstags. Freizeit bleibt ihr nur noch an den Sonntagen. «Meine Freunde sehe ich im Durchschnitt alle zwei Monate.»
Einen Job zurückzufahren oder zu kündigen, kann sie sich nicht leisten. Sie braucht das Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, genauso wie 57 Prozent der erwerbstätigen Studenten. Die Unterhaltszahlungen von durchschnittlich 448 Euro, die 90 Prozent der Studenten von ihren Eltern erhalten, reichen vor allem in teuren Großstädten nicht aus. BAföG beziehen nur 29 Prozent. Und durch die Einführung von Studiengebühren dürfte der Finanzbedarf noch steigen. Viele benötigen bei der Organisation ihrer Finanzierung Beratung, 40 Prozent bezeichnen ihre Finanzlage als nicht gesichert.
Wie aber klappt der Spagat zwischen Studieren und Arbeiten? Benjamin Gildemeister vom Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) der Uni Hamburg rät zu Jobs mit möglichst flexiblen Arbeitszeiten. «Jobs in der Gastronomie sind ideal, da man vor allem abends arbeitet und sich so untertags nie Lehrveranstaltungen und Arbeitszeiten überschneiden», sagt Camilla Wolf.
Viel Geld in kurzer Zeit lässt sich zum Beispiel bei manchen Promotion-Jobs verdienen. Der Münchner Student Thomas Heckl arbeitet auf den jährlichen Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften. Die Termine könne er flexibel auswählen, und pro Tag verdiene er mindestens 130 Euro. Dazu kämen üppige Zuschläge für Sonntage und Überstunden.
Und auch Tätigkeiten an der Uni, etwa in den Computerräumen, seien ordentlich bezahlt, sagt Benjamin Gildemeister. Gegenüber vielen anderen Jobs hätten sie zudem den Vorteil, gut in den Alltag am Campus integrierbar zu sein. «Vor allem zu Beginn des Studiums sollten Studenten aufpassen, dass sie ihren Stundenplan nicht überfrachten.» Diesen Fehler würden viele begehen und dann die Übersicht verlieren, wenn sie vor einer Lawine aus Prüfungen stehen.
Jedoch kollidiert die Flexibilität, zu der Gildemeister rät, mit den vorgegebenen, meist dicht gefüllten Stundenplänen der verschulten BA-Studiengänge, die seit 1998 in Deutschland nach und nach eingeführt werden. Nach den Studiengängen, die mit einem Staatsexamen abschließen, sind diese mit der höchsten zeitlichen Belastung verbunden. «Unsere Berater beobachten, dass Studenten, die ihren Bachelor in sechs Semestern durchziehen wollen, nicht selten zwischen 50 und 60 Stunden pro Woche an der Uni verbringen», sagt Stefan Grob.
Die Annahme, dass BA-Studenten deshalb weniger jobben, ist jedoch ein Trugschluss. In der Gesamtheit liegen sie laut der DSW-Umfrage im Durchschnitt. Studierende der Fachhochschulen (FH) arbeiten sogar noch deutlich mehr - obwohl die Umstellung auf BA und MA dort schon fast abgeschlossen ist. Der Grund dafür: Viele FH-Studenten sind vergleichsweise alt, haben schon eine abgeschlossene Berufsausbildung und häufiger als andere Studenten auch schon eine Familie gegründet.
Auch beim besten Zeitmanagement hilft in vielen Fällen nur eines: Es muss in anderen Bereichen zurückgesteckt werden. «Jede Stunde, die Studierende erwerbstätig sind, vermindert sowohl ihren Studienaufwand als auch ihre Freizeit um jeweils etwa 30 Minuten», heißt es in der DSW-Studie. Im Klartext: Wer Studium und Nebenjob unter einen Hut bringen will, muss öfter auf gemeinsame Abende mit Freunden oder dem Partner oder auch auf Hobbys verzichten - auch wenn es schwer fällt.
Job und Bafög
Bafög-Empfänger dürfen inzwischen bis zu 400 Euro im Monat verdienen, ohne dass es Abzüge bei der Förderung gibt - diese Neuregelung kommt aber nicht nur Studenten mit Minijob zugute. Für die Berechnung des zulässigen Einkommens zählt nämlich nicht der monatliche Lohn, sondern der Verdienst innerhalb eines Jahres. Dabei ist es nach Angaben des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin für den Bafög-Bezug irrelevant, wann im Jahr genau wie viel verdient wird. Wer also die Grenze von 400 Euro in den Semesterferien überschreitet, kann das später ausgleichen - er darf nur nicht mehr als 4818 Euro im zwölfmonatigen Bewilligungszeitraum verdienen.
Kommen Studenten über die 400-Euro-Marke, müssen sie zunächst Lohnsteuer entrichten. Sie wird Studenten dem DSW zufolge nach der nächsten Steuererklärung aber wieder zurückgezahlt, wenn das Jahreseinkommen derzeit 7664 Euro nicht überschreitet.
